VOLKER MÄRZ
"AFFENSTILLSTAND"
21.03. bis 11.05.2012
Vernissage: 21.03.12, 20 Uhr
| "Affenstillstand" | |
| "Affenwehr" | |
| "Demokratie" | |
| "Großer Dialog" | |
| "Tanzender Affe" und "Tanzender Nietzsche" | |
| "Justitia" | |
| "Tanz mit dem goldenen Skalp" | |
| "Kolonialismus" | |
| "Ernst Juenger" | |
| "Das neue Fenster" | |
| "Julia" | |
| "Affe klatscht der Menschheit Beifall" | |
| "Nietzsche als Fenster" | |
| "Hannah Arendt - Schwimmen gibt mir ein Heimatgefuehl" | |
| "Shootingstar" |
Der März kommt im Frühling und das schon zum zweiten Mal!
Herzlich willkommen zur neuen Ausstellung des Künstlers Volker März in Leipzig!
Vielleicht erinnern Sie sich an seinen ersten Auftritt in dieser Galerie vor zwei Jahren mit gleichzeitiger Präsentation seines Buches „Kafka in Israel“ durch die Schauspielerin Nina Petri. Die Galerie voller Figuren, zum Teil Akteure seiner fiktiven Kafkageschichte: Kafka mit dem Affen Rotpeter spazierend, Kafka mit Pistole, Kafka mit Fleischmine, Kafka mit Elefanten auf der Schulter. Dazu Walter Benjamin, „fast endgültig“ und „endgültig“ oder die rauchende Hannah Arendt. Außerdem zahlreiche „Totalitarismusopfer“, ein „Schattenfischer“ oder die „Weltgesellschaft für Glück“.
Es ging – und es geht immer noch – um Persönlichkeiten, um personifizierte Zustände, um Missstände und ideologische Missbräuche, um Wahrheiten und Unwahrheiten. Und um Verfälschungen von Wahrheiten.
Volker März, 1957 in Mannheim geboren, studierte von 1977-1983 an der Hochschule der Künste Berlin bei Prof. Fred Thieler und Prof. Dieter Appelt Malerei. Aber als Künstler, dem es um die Visualisierung einer Idee, einer Botschaft – nicht selten einer politischen Botschaft – geht, bedient er sich verschiedenster Medien, bewegt er sich zwischen Malerei, Bildhauerei, Dichtung, Film, Installation, Performance und Musik. Dafür reist er in die Welt, zu unzähligen Ausstellungen, Inszenierungen oder Aktionen: u.a. nach Zürich, Seoul, Sydney, Istanbul, Tel Aviv oder Prag. Wo er auch auftritt – in Museen, Galerien, Instituten, auf öffentlichen Plätzen aller Art, zwischen Rolltreppen und Wolkenkratzern, an allen möglichen und unmöglichen Orten – legt er den Finger in die Wunde, provoziert er zum Nachdenken, Umdenken, zum Andenken und Andersdenken, zum Überdenken tradierter Anschauungen über Eingrenzungen und Ausgrenzungen, Gesellschaftssysteme, über den Staat Israel, über Beziehungen, Wertigkeiten, über Menschliches und Unmenschliches, über von Menschen verübte Verbrechen, über Holocaust, über deutsche Geschichte …
Dabei überschreitet er Grenzen und begibt sich in Gefahr durch manche riskanten, politisch unkorrekten, aber immer an der Wahrheit interessierten Äußerungen, ohne dabei eine endgültige Wahrheit für sein Werk zu beanspruchen. Er stellt in Frage, er stellt auch „Fragen ans Glück“, er rüttelt an den Fundamenten verkrusteter Ideologien und sogar an Ikonen der Kunst – an der Ikone der Kunst: Joseph Beuys – etwa mit dem ihm in den Mund gelegten Ausspruch: „Ich bin die Kunst, die Wahrheit und das Leben!“
2005 gründet Volker März die Performancegruppe „Unos United“, die mit überdimensionalen Radiergummis an historisch belasteten Orten gegen das Vergessen deutscher Geschichte vorgeht.
Er veranlasst Fensterstürze, um – mit Blick auf Heinrich von Kleists „Käthchen von Heilbronn“ – für das Thema Missbrauch von Minderjährigen zu sensibilisieren.
Er modelliert unzählige Tonfiguren, mal männlich, mal weiblich, oft beides gleichzeitig, meist halbnackt, mit roten, auf Empfang ausgerichteten Ohren, mit Gesichtern und Körpern, die den jeweiligen Zustand, die Schmerzen, Verletzungen, Bedürfnisse offenherzig zur Schau stellen. Er gibt ihnen Namen aus dem geistigen Umfeld der Hannah Arendt und stopft sie zu Hunderten mit anderen, namenlosen Opfern, Tätern und Mitläufern in Lagerregale, die er dann zum „Denkraum“ erklärt. Er erschafft „Ersatzmenschen“ mit eigenen „Parkregeln“ und mischt sie unter die Exponate der ständigen Ausstellung des Dresdner Hygienemuseums, er lässt „Scheinesser“ in Schweizer Banken sitzen und „Settlers, Soldiers and Survivors“ am Strand von Tel Aviv in die Luft fliegen.
In welcher Form auch immer er sich der Geschichte und ihren Protagonisten nähert – er bewahrt die Distanz zu den Dingen und Ereignissen, die ihm notwendig erscheint, um sich von vorgefertigten Meinungen zu lösen. Demnach ist für ihn auch die Größe einer Figur „eine Frage der Distanz“. Größe ist relativ. Und so holt er sie vom Sockel, stellt sie im kleinen Format mitten ins Leben: die Dichter, Denker, Philosophen, Politiker, Theaterfiguren, Künstler – und immer wieder: Affen!
„Affenstillstand“ als Titel dieser Ausstellung. Nur durch ein „W“ vom „Waffenstillstand“ – dem vielleicht einzigen positiven Stillstand – entfernt. Denn Stillstand bedeutet nicht Stille, sondern Stagnation, Ende, Tod: Stillstand der Entwicklung, Stillstand des Verkehrs, Stillstand des Betriebes, Stillstand der Uhren, Stillstand der Liebe, Atemstillstand, Herzstillstand …
Aber Affenstillstand?
Der Affe (lat. Simia), mit uns Menschen nicht nur am nächsten verwandt, sondern – betrachtet man das Erbgut des Schimpansen – zu 98,7 Prozent identisch!
In Sprichwörtern kommt er nicht gut weg: „sich zum Affen machen“, „seinem Affen Zucker geben“ oder „den Affen auf der Schulter haben“.
Im Zoo und mit Menschenklamotten Fahrrad fahrend im Zirkus oder Film ist er dagegen gern gesehen.
In der Kunst tritt er mit einem Spiegel auf als „eitler Affe“, mit großen Geschlechtsorganen als „geiler Affe“, als „maßloser Affe“ beim Fressen, als Mörder bei Edgar E. Poe. Bis ins späte Mittelalter betrachtet man ihn als Ausgeburt des Teufels, und noch in Meyers Lexikon von 1840 wird er als „bösartig“, „leidenschaftlich“, „unbändig“, „tückisch“ und „rachsüchtig“ beschrieben. Parallel dazu entwickelt sich der Affe zur Allegorie der Kunst: In Bocaccios „De Genealogia Deorum“ ist die Geschichte wiedergegeben, in der Epimetheus, nachdem er eine Statue aus Lehm geschaffen hatte, von Jupiter in einen Affen verwandelt wurde – als Strafe? Oder als Nobilitierung des Künstlers, der in ähnlicher Weise, wie der Affe den Menschen imitiert, die Natur nachbildet? Der Künstler als Affe der Gesellschaft?
In Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“, 1917 in der Zeitschrift „Der Jude“ veröffentlicht, muss sich der gefangene Affe Rotpeter zwischen Unfreiheit im Zoo oder dem eingeschränkten Leben als Künstler im Varietè entscheiden. Er beschließt, ein Mensch zu werden, behält aber das Aussehen eines Affen und tritt, um zu überleben, im Zirkus auf.
Es geht hier um die ambivalente Situation des Künstlers, der sich zwischen allen Stühlen befindet, der innere Befindlichkeiten sichtbar macht und dadurch zum Außenseiter der Gesellschaft wird; zum anderen um die Ausgrenzung Andersdenkender, die nur eine Chance bekommen zu existieren, wenn sie ihre Identität aufgeben.
Die Geschichte von Kafka und Rotpeter, die Volker März seit einigen Jahren zur Grundlage zahlreicher Werke und seines Buches „Kafka in Israel“ macht, geht weiter mit seinem neuen Buch „Kafka auf der Suche nach Pina Bausch“. Der vom Himmel auf die Erde zurückgekehrte Kafka wird ins israelische Innenministerium geladen, weil sich die neu gewählte Regierung für seine Hinrichtung durch die Vorgängerregierung entschuldigen möchte. In einer fiktiven Rede wird ihm der absurde Vorschlag unterbreitet, die Zootüren zu öffnen – angefangen in Tel Aviv – und die Affen in der Menschenwelt aufzunehmen, wo sie „wertvolles Mitgefühl erregen werden“, wie es heißt. Man stellt fest, dass das einzige verbindende Element der in der Knesset Versammelten die Uneinigkeit der Juden ist, die „so unterschiedlich wie die Affen im Zoo von Tel Aviv und überall in der Welt <sind>: Hier haben wir die Orthodoxen, dort im Zoo die Paviane, hier die Ultraorthodoxen, dort die Schimpansen, die Gottlosen, die Gorillas, wir haben Militärs, Meerkatzen und traumatageplagte Orang-Utans ohne Ende und hier und da einen Abgeordneten arabischer Abstammung … wie im Zoo das Totenkopfäffchen“. Jedem freigelassenen Affen solle nun die Möglichkeit gegeben werden, „sich zu einem Menschen zu entwickeln“. Gleichzeitig könne sich jeder „kultur- und zivilisationsmüde Mensch“ für ein Affenleben entscheiden.
Nun sind sie also hier, die Affen aus Tel Aviv – oder Berlin, oder Leipzig?: Affen, auf Liebe stehend oder kriechend als Untertan, tanzend, am Arm der Justitia hängend, sitzend, denkend, voller Sehnsucht, das neue Fenster tragend oder den goldenen Soldatenhelm, mit zarten Flügeln beim Flugversuch, schwebend, der Menschheit Beifall klatschend, mit Waffen und ohne.
Ein Affentheater! Und mittendrin Hannah Arendt, Ernst Jünger, Friedrich Nietzsche – und wir.
Danke fürs Stillstehen!
Susanne Ulbrich
Aktuelle Ausstellung:
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21.03.-11.05.2012
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Vernissage: 23.05.12, 20 Uhr