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Galerie Kontrapost

Skulpturen | Plastiken | Objekte

 


 

Juliane Jüttner

 

Juliane Jüttner              

 

Foto: Juliane Jüttner, o.T. („Europa 1“), 2013, 100 x 80 x 90 cm, Polymergips, Polymerclay, Kunstobst, Tüll

 

 

Milchstraße, Juliane Juettner 

 

Foto: Juliane Jüttner, o.T. ("Milky Way"), 2012, Polymergips, Wachs, Polystyrol 

 

 

 

Juettner, Juliane 

 

Foto: Juliane Jüttner, "Altar", 2009, Polymergips, Ton, Glasaugen, Kunstblumen 

 

 

Juliane Juettner

 

"Ungläubiger Thomas", 2004, Zellan, Glasaugen, Kunstharz 

 

 

Juliane Juettner 

 

"Goldmarie I", 2002, Zellan, Glasaugen, Frauenzeitschriften 

 

 

 Vita

 

1972

geboren in Wernigerode

1992-1993 

Studium an der Art Student's League of New York 

1994-2002 

Studium der Freien Kunst an der Hochschule für

Bildende Künste Braunschweig

1995-1996 

Studium an der Akademie der Bildenden Künste Prag 

1999

Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes 

2001 

Diplom 

2001-2002 

Meisterschülerin bei Prof. Raimund Kummer 

2002 

Kaiserringstipendium des Mönchehaus-Museums Goslar 

2003 

DAAD-Reisestipendium für eine Studienreise in die USA

Stipendium X. Rohkunstbau

seit 2004 

Lehrauftrag an der HBK Braunschweig

2005 

Arbeitsstipendium der Stiftung Nord/LB-Öffentliche

2008 

EHF-Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung 

 

Ausstellungen

 

2000         

Dem Deutscher Volk, Dresden

2002 

Irrlichtern, Schlosspark Agathenburg

Mönchehaus Museum Goslar

Herbstausstellung niedersächsischer Künstler

Kunstverein Hannover 

2003

X. Rohkunstbau, Wasserschloss Groß Leuthen

2004 

Reiter, Sparkasse Dahme-Spreewald

Blut Schweiß und Tränen, Kunstverein Wolfenbüttel 

2005

Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover 

2006 

KunstKörperlich - KörperKünstlich,

Kunsthalle Dominikanerkirche Osnabrück

Eine Frage (nach) der Geste, Oper Leipzig

2008 

BS-Visite, Braunschweig 

2009 

Salon Salder, Salzgitter 

BS-Visite, Braunschweig

2010

... wie im Himmel so auf Erden, Galerie Kontrapost, Leipzig

Noli me tangere, Kunstverein Dorsten

Nord Art 2010

Körpernah, Akte / Nudes, Galerie Tammen + Galerie Gaulin & Partner, Berlin

2014                 

Menschen(s)kinder, Galerie Aspekt, Neustadt

Gegenstücke, Kulturforum Pampin

 

Juliane Jüttner, 1972 in Wernigerode geboren, hat schon als Kind besonders gern Figuren geformt, eigenen Ideen und Vorstellungen eine konkrete Gestalt, einen Körper gegeben. Der Wunsch reifte heran, Kunst an der Hochschule Burg Giebichenstein Halle zu studieren – aber der Weg führte sie 1992 nach New York, an die renommierte Art Students League, die sich mit großen Namen der modernen Kunstgeschichte schmücken kann: Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Louise Bourgeois und vielen anderen dieser Kategorie. Hier widmete sie sich dem Aktzeichnen, dem Modellieren nach Modell, hier lernte sie die verschiedensten Techniken der Kunst. Wie sie selbst sagt, stammt alles, was sie an handwerklichen Fertigkeiten besitzt, aus dieser Zeit in New York.
Wieder zurückgekehrt nach Deutschland begann sie 1994 mit dem Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Die figürliche Plastik und überhaupt die Figur in der Kunst waren hier allerdings wenig gefragt, so dass Juliane Jüttner für ein Jahr an die Akademie der Bildenden Künste Prag wechselte, um sich intensiv in akademisches figuratives Gestalten zu vertiefen. Nach ihrem Diplom an der Kunsthochschule Braunschweig wurde sie dort Meisterschülerin bei Prof. Raimund Kummer, erhielt wichtige Stipendien, die ihr ein freies schöpferisches Arbeiten und eine erneute Studienreise nach New York ermöglichten. Seit 2004 hat Juliane Jüttner einen Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, während sie mit ihren Werken regelmäßig auf Ausstellungen vertreten ist – in Galerien und öffentlichen Institutionen wie zum Beispiel im Mönchehaus Museum Goslar, im Kunstverein Hannover, im Kunstverein Wolfenbüttel, im Kunstverein Dorsten, auf der Nord Art, in der Kunsthalle Dominikanerkirche Osnabrück – zusammen mit Arbeiten u.a. von Stephan Balkenhol und Volker März – oder in der Oper Leipzig, als nationale und internationale Künstler, darunter Martin Kippenberger, Evelyn Richter und Rosa Loy, ausgewählt wurden und die Geste als Körpersprache im Blickpunkt stand.
Die Geste – eine kleine Bewegung des Kopfes, der Hand oder auch nur eines Fingers – als bedeutendes Moment in der Kunst Juliane Jüttners. Ihre Figuren sind selten Protagonisten einer aktiven Handlung, vielmehr geben sie sich als Schauspieler, denen eine konkrete Rolle zugewiesen wurde.
Ein gut gebauter nackter Jüngling im antiken Kontrapost, gerahmt von zwei ebenfalls nackten grazilen Frauen: die nach außen gekehrten Handflächen des Mannes, aus denen so etwas wie Blut strömt, verweisen unmissverständlich auf Christus, während die weiblichen Figuren, die ihre Muttermilch verschwenderisch in die Luft spritzen, das Bild der nährenden Maria hervorrufen. Aber die Körpersäfte kommen aus dem Nichts, es gibt keinen Grund für ihr Auftreten, keinen Kreuzestod, keinen Säugling. Sie haben sich als Perlenschnur verselbstständigt zum Ornament, das die zentrale Figur als Macho hervorhebt und alle drei Gestalten zum Ensemble vereint – inszeniert fürs Album der Kulturgeschichte.
Das ist frech und äußerst provokativ! Und trotzdem: die Fragen, die Juliane Jüttner hier aufwirft, sind nicht aus der Luft gegriffen: die Fragen nach der Bedeutung von überlieferten Handlungen, die sich als unumstößliche Bildwelten eingemeißelt haben ins kollektive Gedächtnis, nach unserem Umgang mit Geschichte, nach dem Missbrauch von historischen oder religiösen Ereignissen zur Stärkung von Macht, zur Steigerung des Konsums oder auch nur zur Dekoration unserer Wohnzimmer ...
Manchmal werden anhand von Gesten auch Figuren oder ganze Ausschnitte aus konkreten Kunstwerken zitiert und in einen neuen Kontext integriert: Michelangelos richtender Christus etwa oder die Erschaffung des Adam im barock anmutenden „Altar“. Die vier im Zentrum angeordneten Putten, die auf den Altartisch zeigen oder sich diesem zuwenden, sind verwandelte Hirten aus der zweiten Fassung des Bildes „Et in Arcadia ego“ von Nicolas Poussin. Der Spruch dort auf einem Sarkophag, meist übersetzt mit „Auch ich war in Arkadien“, gilt als memento mori, als Hinweis auf die Vergänglichkeit des Lebens – während die übrigen Putten im Werk Juliane Jüttners von Kontemplation und Nachsinnen über ein irdisches Ende weit entfernt sind, dieses sogar mit ihrem gewalttätigen Übereinander-Herfallen geradezu herausfordern. Die süßen Kinderengel oder Engelskinder – früher nichts als Beiwerk ...
Ein reich verzierter Sarkophag bildet auch die Basis für die Szene auf der Einladungskarte zur Ausstellung: ein sichtlich erregter weißer Stier, durch den Genuss einer prächtigen Weintraube verbunden mit dem jungen Mädchen, das mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen im nächsten Moment nach hinten zu kippen droht. Das Tüllröckchen, das beide jeweils tragen, macht sie zum Paar, erinnert ans Ballett, an einen Pas de deux vielleicht, der hier möglicherweise kein glückliches Ende nimmt. Wir kennen die Geschichte: Zeus verliebt sich in Europa, die Tochter des phönizischen Königs Agenor. In Gestalt eines herrschaftlichen weißen Stiers nähert er sich der schönen Jungfrau, die gerade mit ihren Freundinnen am Strand Blumen pflückt, gibt sich zahm und gewinnt ihr Vertrauen, so dass sie auf seinen Rücken steigt und er sie schwimmend durchs Meer nach Kreta entführen kann. Dort tröstet Aphrodite die verstörte Jungfrau damit, dass sie nun die irdische Gattin des unbesiegten Gottes sei und ihr Name unsterblich werden würde, denn der fremde Weltteil, der sie aufgenommen hat, heiße in Zukunft Europa.
Es gibt viele Möglichkeiten, Juliane Jüttners plastische Kompositionen zu betrachten – literarisch, historisch, politisch, ethisch oder ästhetisch. In jedem Fall schafft die Künstlerin neue Perspektiven für unsere festgefahrenen Sehgewohnheiten. Ihre Arbeiten irritieren uns. Sie hinterfragen Behauptungen oder sicher geglaubte Rollen. Sie zwingen zum genauen Hinschauen und provozieren zur Auseinandersetzung mit tradierten Geschichten und Vorstellungen, denen wir inzwischen abgeklärt begegneten, weil wir schon so lange darüber Bescheid zu wissen meinten.
Wie auch immer – über allem steht der Titel „Lehre mich lachen, rette meine Seele“. Als englisches Sprichwort „Teach me laughter, save my soul“ ein Zitat in James Krüss’ „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“. Das Lachen in diesem Buch als kostbare menschliche Fähigkeit, die nicht aufs Spiel zu setzen und durch kein Geld der Welt zu ersetzen ist.
Das Lachen, das einem angesichts der aktuellen Krisen, Kriege und Katastrophen im Hals stecken bleibt, als angeborene und nur schwer zu unterdrückende Ausdrucksbewegung, als Bedürfnis, als grundlegende Kommunikationsform, als ein Reflex, der erleichtern und befreien kann, als Waffe gegen Angst, Krankheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.
Lachen wir also mit der Kunst oder durch die Kunst oder auch über Kunst ...!

Susanne Ulbrich, 2014


(......)
Parallel zu den neuen Arbeiten für die aktuelle Ausstellung hat sie als Kunstwerk im öffentlichen Raum gerade eine lebensgroße Bronzefigur, den Harzgaugraf Hessi, für den Thalenser Mythenweg im Harz geschaffen. Spektakulär: eine Figur ohne Körper, bestehend nur aus Kopf und Mantel.
Dabei ist Juliane Jüttner so großartig im Bilden des menschlichen Körpers! Im Vortäuschen menschlicher Präsenz, menschlichen Fleisches. Da kommt es tatsächlich vor, dass in einer Ausstellung Blut, Schweiß und Tränen fließen – und nicht etwa beim Publikum.
Der überwältigende Naturalismus ihrer Werke lässt einen glauben, lebendigen Wesen gegenüberzustehen. Erst beim zweiten Anlauf merken wir, dass irgendetwas nicht stimmt. Natürlich: sie entsprechen nicht der realen Größe eines Menschen. Aber auch sonst: da kommen uns einige Dinge bekannt vor, Gesten, Haltungen, Motive. Beim Blick auf das Figurenpaar „Ungläubiger Thomas“ denken wir an Skulpturen der Renaissance. An Michelangelo. An seinen „David“. An sein Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle. Und an manch anderes Gemälde. An den „Ungläubigen Thomas“ von Carravaggio vielleicht.
Tatsächlich ist das Zitieren einzelner Partien wohl bekannter Artefakte der Kunstgeschichte ein stilistisches Mittel der Künstlerin, ohne dabei einem fantasielosen Eklektizismus zu verfallen. Denn sie kopiert nicht komplette Werke oder einen konkreten Stil, sondern wählt einzelne Elemente der im öffentlichen Kunstbewusstsein präsenten Werke aus, um diese zu einem neuen, eigenständigen Gebilde zu montieren bzw. sie in einem solchen zu integrieren. Damit verweist sie einerseits auf die grundsätzliche Eigenschaft von Kunst, immer in irgendeiner Weise die Wirklichkeit abzubilden, zumindest einen Bezug herzustellen, zum anderen aber hinterfragt sie ein Phänomen unserer Zeit, mangels Kreativität auf schon Bewährtes, vielleicht auch Erfolgreiches, zurückzugreifen: Immer wieder werden wir mit den gleichen Bildern im Fernsehen versorgt, auf Titelseiten von Illustrierten, auf Werbeplakaten und Buchumschlägen. Und immer wieder wird Jesus ans Kreuz genagelt, ob in der Kirche, im Wohnzimmer oder an der Halskette. Immer legt irgendwo jemand den Finger in die Wunde (wobei das Letztere ja wirklich in Ordnung ist). Der Festredner verweist auf schon Gesagtes, und in manchen Doktorarbeiten finden sich kaum noch eigene Worte. Eine Welt voller Zitate. Juliane Jüttner macht das Zitieren zum Thema und entwickelt so ihre ganz eigene reflektierende Kunstsprache. Mit kritischem Blick und einem gewissen Abstand zu den Dingen, die sich in der Kunstwelt wie im realen Leben immer wieder ereignen. Dass sie dabei vorrangig auf die christliche Ikonografie zurückgreift, hängt mit den im europäischen Kulturkreis allgegenwärtigen Werken christlicher Kunst und natürlich unserer vermeintlich christlich orientierten Gesellschaft zusammen. Ein bisschen hat es wohl auch mit Caravaggio zu tun, der Ende des 16. Jahrhunderts seine Zeitgenossen durch die Verknüpfung des Sakralen mit dem Profanen äußerst provozierte.
Aber was macht Juliane Jüttner mit diesen Werken, die wir alle schon hundert Mal gesehen haben, zumindest als Reproduktion in einem Bildband?
Unser Blick auf die weißen Figuren konzentriert sich sofort auf die tiefrote, blutende Wunde, die von einer Hand berührt wird, und wir haben augenblicklich die biblische Geschichte vom ungläubigen Thomas im Sinn: der wollte nur glauben, dass Jesus auferstanden war, wenn er selbst seine Hand in dessen Wunde gelegt hat. Und tatsächlich! Jesus trat noch einmal durch die geschlossene Tür zu den versammelten Jüngern, und als ob das allein als Beweis nicht genug wäre, sprach er zu Thomas: „… gib deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh. 20,27).
Vielfach dargestellt in der Kunstgeschichte thematisiert diese Szene den Gegensatz von Glauben und Wissen. Sicher auch bei Juliane Jüttner, und doch geht ihr Werk darüber hinaus. Thomas scheint in dem tiefen Einstich regelrecht herumzuwühlen, von seiner Hand ist die Hälfte darin versunken. Sein lässiger Kontrapost und sein beinahe gelangweiltes Gesicht stehen im totalen Kontrast zur Handlung: dem Hineingreifen ins offene Fleisch des tot geglaubten Gottessohnes. Keine Spur von Ekel in seinem Gesicht, nicht das geringste Anzeichen von Ergriffensein! Kein bisschen Respekt vor diesem gewaltsam geöffneten Körper! Und Jesus? Mit einem wachen Blick nach vorn wendet er sich von Thomas ab, geht an ihm vorbei, und es könnte sogar sein, dass er – im Gegensatz zum Bibeltext – die neugierige Hand des Thomas fernhalten will.
Beide zusammen ergeben eine wunderbar harmonische Komposition in der Symmetrie des Aufbaus, obwohl als kontrastierendes Paar von Vita contemplativa und Vita activa, von in sich ruhender Position und nach vorn gerichteter Bewegung angelegt. Aber die Harmonie der Komposition ist unvereinbar mit der Tat, mit der wir doch unbeschreiblichen Schmerz assoziieren.
Juliane Jüttner irritiert den Betrachter. Sie hinterfragt unsere Sehgewohnheiten. Sie zwingt zum genauen Hinschauen und provoziert zur Auseinandersetzung: mit tradierten Geschichten und Bildwelten, denen wir inzwischen emotionslos begegnen, weil wir schon so lange darüber Bescheid wissen. Oder glauben zu wissen.
Sie eröffnet neue Perspektiven. Standardisierte Rollen werden neu vergeben. Opfer werden zu Tätern. Süße Putten, die Kinderengel oder Engelskinder – früher nichts als Beiwerk – emanzipieren sich und werden zu Handlungsträgern, werden sogar gewalttätig. Und dann Maria als mageres Mädchen auf Modezeitschriften …
Nicht zuletzt geht es darum, den eigenen Standpunkt zu finden, einen Punkt zum Stehen in diesem Wirrwarr an vorgegebenen Denkmustern und an Ereignissen, die wir aus der Vergangenheit mit uns herumschleppen und denen wir täglich neu ausgesetzt sind – wie Thomas und Jesus, die mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger auf nichts anderes verweisen.
 

Susanne Ulbrich, 2010

 

GALERIE KONTRAPOST
Stallbaumstr. 14a
04155 Leipzig
Tel: (0341) 5503290
E-Mail

Aktuelle Ausstellung:

CHRISTOPH SANDIG

"Lichteinfall" (Fotografie)

24.08.-30.09.2016

Vernissage: 24.08.16, 20 Uhr

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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